Mittwoch, 20. Juli 2011

Leseprobe Bad Girl City von Florian Möller

Heute eine weitere neue Leseprobe aus dem ebook Roman des aufstrebenen Indie Autoren Florian M. aus X. mit dem Titel "Bad Girl City Trilogy". Das Werk ist erhältlich bei Amazon, für den Kindle und Teil einer (eventuellen) Trilogie. Aber seht selbst.

Viel Spass dabei!

Tobias’ kleine Schwester und neue Methoden der Literatureinschüchterung


„Vielleicht sollten wir mal Bücher verbrennen“, meint Jens.

Tobias’ kleine Schwester guckt alarmiert. Tobias’ kleine Schwester ist noch nicht ganz volljährig, also ist sie politisch. Mit Bücherverbrennen, selbst aus Spaß, hat sie Probleme.

Tobias’ kleine Schwester ist in der Antifa-AG ihrer Schule und in einem Star-Trek-Fanclub organisiert. Sie hat retro-grüne Haare und guckt klug. Wenn es nicht gerade ums Bücherverbrennen geht, hat sie eigentlich auch Humor. Ich halte sie allerdings für borderline-autistisch, wie jede Frau, die zurückzuckt, wenn ich sie zufällig zu berühren versuche.

Aus Langeweile und einem vagen sexuellen Interesse beschließe ich, auf ihrer Seite zu sein. „Bücherverbrennen find ich scheiße. Da könnten wir Applaus von den falschen Leuten kriegen.“

„Stimmt“, räumt Jens ein. „Aber wie wär’s mit Bücherertränken?“

Ich denke kurz darüber nach. Die Vorstellung von Büchern, die in einem riesigen Wasserbecken hilflos mit den Seiten wedeln und schließlich, vom todbringenden Nass vollgesogen und aufgebläht, leblos zu Boden sinken, gefällt mir.

„Bücherertränken hat was“, sage ich.

Tobias’ kleine Schwester schnaubt empört. „Das ist doch genau dieselbe Ideologie!“, findet sie.

Ich begehre sie noch immer, aber das Bücherertränken erscheint mir jetzt wichtiger. Ich bin wieder auf Jens’ Seite. Wir schmieden Bücherertränkungspläne. Wir vernachlässigen Tobias’ kleine Schwester.

Sie gähnt und steht auf. „Ich geh dann auch mal ins Bett.“ Tobias’ Haftentlassungsparty ist seit einigen Stunden vorbei. Wir sind die letzten Gäste. Im Fernsehen läuft Gazastreifen, wir haben den Ton runtergedreht. Heute ist nicht viel passiert, nur eine Autobombe und wie-durch-ein-Wunder nur ein paar Leichtverletzte. Der Fernseher ist gut, wir haben ihn Tobias anlässlich seiner Entlassung geschenkt. Der KV-28FC60C ist das Top-Modell der Art Couture Linie von Sony. Völlig plane Bildschirmoberfläche, perlweißes (aber schmutzabweisendes) Gehäuse, digitale Rauschunterdrückung, digitales Kammfiltering und 100-Hertz-Plus-Technologie, was ein Vorteil ist, auch und gerade in Krisenzeiten. Ich finde den Begriff Krise besser als den Begriff Krieg. Krisen habe ich auch manchmal, mit Krieg kann ich nichts anfangen.

Ich schalte kurz um auf VIVA, aber da ist nur Atomic Kitten, darum schalte ich aus. Jens und ich wünschen Tobias’ kleiner Schwester eine gute Nacht, glaube ich. Sie verlässt uns. Tobias selbst ist schon längst im Bett.

Wir durchsuchen den Partykeller nach Büchern.

Ein Partykeller ist keine Bibliothek. Wir beratschlagen, ob wir nicht doch lieber CDs ertränken sollten, finden dann aber immerhin das Telefonbuch und die Gelben Seiten. Eine kurze Diskussion entbrennt, ob es okay ist, diese beiden Bücher zu ertränken. Wir einigen uns auf einen Kompromiss. Das Telefonbuch muss dran glauben, weil da teilweise voll die Schweine drinstehen. Vergewaltiger, Glatzen, Kriegsverbrecher. Die Gelben Seiten bleiben verschont, weil da die Nummer von dieser coolen Videothek in der Bismarckstraße drinsteht, die Jens neulich entdeckt hat.

Wir begeben uns ins Badezimmer und lassen Wasser in die Wanne. Mir fällt Tobias’ schwarzer Vinyl-Duschvorhang auf. Ich bin neidisch, weil ich so einen immer gesucht habe. Habe aber nur rote und blaue gefunden und schließlich einen von den roten gekauft. Als ich Tobias’ schwarzen Vorhang zur Seite ziehe, spüre ich eine leichte sexuelle Erregung. Kann auch an den Todesdrogen liegen, die wir meiner Meinung nach genommen haben. Als Jens gerade nicht guckt, lecke ich schnell den Duschvorhang. Die Erregung steigt. Liegt wohl doch am Vorhang. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob ich heut wirklich schon Todesdrogen genommen habe.

Jens dreht den Wasserhahn auf. „Kalt oder warm?“, fragt er.

„Kalt“, sage ich. „Und kein Badeschaum.“

Plötzlich geht die Tür auf. Tobias steht im Rahmen. Er ist verschlafen und verkatert, und er ist nicht zu Scherzen aufgelegt.

„Was macht ihr denn da?“ fragt er. „Könnt ihr nicht bei euch zu Hause baden?“

„Wir baden nicht“, kläre ich ihn auf. „Wir ertränken das Telefonbuch.“

„Da stehen Faschos drin“, ergänzt Jens.

„Spinnt ihr? Lasst den Scheiß und geht heim!“

Das tun wir.

Auf dem Heimweg fragen wir uns, ob Tobias’ kleine politische Schwester uns verpfiffen hat. Widerstand is here to stay.

„Vielleicht war das wirklich ein bisschen krass“, meine ich.

„Ja“, sagt Jens. „Wir sollten klein anfangen. Den Büchern erst mal ein bisschen Angst machen.“

„Genau. Sie einschüchtern.“

„Zum Reden bringen.“

„Genau. Bücher zum Reden bringen. Das ist gut. Das machen wir.“

„Aber erst morgen.“

„Morgen muss ich meine Festplatte partitionieren.“

„Übermorgen dann?“

„Übermorgen bin ich an der Uni.“

„Sehr lustig.“

„Nein, wirklich.“

„Was gibt’s denn übermorgen?“

„Geschnetzeltes.“

„Ach ja.“

„Ich kann mal gucken, ob die Bücher haben.“

„Wer?“

„Die an der Uni.“

„Das wäre super. Lass uns noch mal telefonieren.“
Eigentlich wollte ich Jens fragen, ob wir heute Nacht noch Liebe machen wollen, wo schon mit Tobias’ kleiner Schwester nichts ging. Ich komme aber irgendwie davon ab, und dann ist Jens weg. So wichtig war es auch nicht.

1 Kommentar:

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